25. Mai 1989
Herrn Geigenbaumeister
Wolfgang Bünnagel
1. Vorsitzender vom
Verband Deutscher Geigenbauer, Stuttgart eV.
Breite Straße 99
50667 Köln
West Germany 011-49-221-241-6331

Lieber Kollege Bünnagel:

Obwohl verspähtet, möchte ich mich doch hiermit noch einmal schriftlich bedanken, für das Gelingen der 39. Jahreshauptversammlung des V.d.G. im schönen Mittenwald. Ihnen, sowohl dem Vorstand, ist es zum großen Teil anzurechnen, daß der Ablauf der Versammlung -- trotz erkenntlichen Spannungen innerhalb der Mitgliederschaft -- so interessant verlief.

In Bezug auf die aufkommende 40. Jahreshauptversammlung des V.d.G. möchte ich daher gerne Ihrer persönlichen Bitte nachkommen, und -- laut des letzten Paragraphen auf Seite 2, Rundschreiben 226 -- Sie wiederum rechtzeitig zu verständigen und bitten, versäumte Themen dem Tagungsprogramm einzugliedern.

In dieser Hinsicht bin ich gerne dazu bereit, durch Vortrag und anschließender Diskussion, über ein Thema zu sprechen, welches leider durch Zeitmangel bei der letzten Tagung nicht zur Sprache kam. Es handelte sich im Prinzip um den Punkt auf Seite 3, Rundschreiben Nr.224, und betrifft:

Franz Reindl und das Abwandern geigenbauender Geigenbauer aus dem V.d.G..

Wie Sie mit Recht sagten, ist dieser Punkt um so symtomatischer, da kein Lehr-meister der Fachschule ein berufliches Interesse mehr zeigt, Mitglied des V.d.G. zu sein oder zu bleiben.

Es hat den Anschein, das in den Reihen des V.d.G. der Leitsatz von Hans Sachs: "Verachtet mir die Meister nicht und ehrt mir ihre Kunst!" dem pekuniärem Interesse der dominierenden Altgeigenhändler gewichen ist.

Hier ist Franz Reindl, einer der weitaus besten und produktivsten Geigenbau-meister dieses Jahrhunderts, dessen Geigen, mit identifizierendem eigenen Zettel, man nur selten zu Gesicht bekommt. Als unlackierte Geigen standen seine Instrumente in hohem Kurs und wurden laufend von nichtbauenden Geigenbauern in Bestellung gegeben. Namehafte Kollegen, wie Leo Aschauer, Hans Weisshaar

-- und viele andere, meist Stadtgeigenbauer und Händler -- nachdem sie sie lackierten und mit ihrem eigenen Zettel versahen, renomierten sie mit der Kunst und dem Wissens dieses wahren und ehrbaren Meisters. Man schümckte sich mit fremden Federn.

Da ich ein sehr nahes Freundschaftsverhältnis zur Familie Reindl schon über 40 Jahre lang pflege und auch wertvolle Arbeitserfahrungen als Mitarbeiter in der Werkstatt dieser hervorragenden Meister sammeln durfte, fühle ich mich daher durchaus dazu qualifiziert, mit einem Beitrag zum interessanten Verlauf der Tagung, durch Vortrag und Diskussion, zu diesem Thema stellung zu nehmen.

Nicht nur die Gründe für den Austritt von Franz Reindl bewegten mich, sondern auch die des verstorbenen Kollegen Hans Klotz, dessen Todesnachricht uns im Rundschreiben Nr.226 mitgeteilt wurde. Seine Gründe wurden mir zuteil, als ich ihn im Mai ,88 besuchte. Auch Kollege Klotz war nicht mehr Mitglied des V.d.G..

Ein anderes Thema, welches ich gerne als Vortrag mit anschließender Diskussion im Rahmen der 40. Jahreshauptversammlung ansprechen möchte, handelt sich um jenes, welches nur flüchtig und auf irreführender Weise als Rabatt (Preisnachlaß) angeschnitten wurde. Obwohl das Thema von Frau Rita Orgel, ("Muslkinstrument" Heft 5. Mai, 1988 auf Seite 110) banal als "Rabattitis" abgetan wurde, betraf es jedoch einer anderen eingebürgerten und zweifelhaften Sitte der Geigenbranche:

Provision oder Bestechung, welches?

Die Frage: "Um die Gunst des Streichinstrument-Lehrers zu erkaufen, was sind die zur Zeit gängigen Prozentsätze der Provisionen (nicht Rabatte) und Methoden denen sich ehrbare Geigenbaumeister und Händler -- ohne sich der Bestechung und des unlauteren Wettbewerbs schuldig zu machen -- bedienen?" wurde nie zur Sprache gebracht. Im Gegenteil, von Seiten des Vorstandes hat man meinen Bruder Günther Reuter gebeten, mich zu bitten, dieses Thema nicht anzuschneiden.

Da mir, trotz rechtzeitiger Einreichung dieser Frage an Sie und den Vorstand, die Gelegenheit nicht eingeräumt wurde, zur letzten Tagung darüber ausführlich zu sprechen und zu diskutieren, bitte ich Sie und den Vorstand mir das Versäumte in Köln nachholen zu laßen.

Der Bewegsgrund für mein Ansinnen liegt darin, daß ich seit dem letzten Jahr von Seiten meiner Rechtsanwälte und der Staatsanwaltschaft verständigt wurde, das was unter vielen Kollegen als Provision bezeichnet und bezahlt wird, laut Strafgesetzbuch, als kommerziale Bestechung gefahnded wird.
Es war in dieser Hinsicht doch sehr interessant für mich zu erleben, daß zur letzten Tagung nur sehr wenige Kollegen (Wim Bouman, Jürgen Schröder, Jürgen von Stietencron, u.a.) sich öffentlich dazu bekannten, keine "Provisionen", sprich: "Schmiergelder", an Streichinstrument-Lehrer abzuführen. Es besteht daher der Verdacht, daß die weit aus größte Mehrheit derMitglieder des V.d.G. es zur gängigen vermögungsfördernden Geschäftspraktik ihres ehrbaren Berufes gemacht haben.

Sollte es, was unter Geigenhändlern als Provision bezeichnet wird, nicht gesetzwidrig sein, wäre dann nicht eine öffentliche Diskussion über die höhe der Prozentsätze und Zahlungsmethoden im Interesse aller Mitglieder des Verbandes? Besonders wenn diese Methoden und Bezahlungen nicht einheitlich sind und außerdem noch, wenn es als möglicher unlauterer Wettbewerb solche Kollegen betrifft, welche diese Sitte nicht zum Teil ihrer Geschäftspraktik gemacht haben. Allerdings, sollte die Staatsanwaltschaft diese Geschäftspraktiken als gesetz-widrig ansehen, könnte das Ansehen des gesammten Geigenbaues und Handels schon durch eine kriminelle Voruntersuchung in Mitleidenschaft gezogen werden.

Um diesen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, wäre es Seitens des Vorstandes vielleicht angebracht, sich zur Untersuchung des Themas "Provision oder Bestechung" von juristischer Seite her beraten zu lassen. Ein solches Rechtsgutachten würde ein für alle male die Legalität dieser Geschäftspraktiken bestätigen oder verneinen. Auch würde ein juristisches Gutachten klarlegen, ob der V.d.G. den ehrbaren Stand der Geigenbauer vertritt, oder, bewußt oder unbewußt, in eine krimminelle Verschwörung von gleichgesinnten Altgeigenhändlern ausgeartet ist.
Die letztere Vermutung wurde mir von Seiten einiger Geigenbauschüler deutlich gemacht, welche während der letzten Tagung, obschon auf halb-scherzender Art, immerhin vom V.d.G. als Verband deutscher Gangster, Gauner und Ganoven sprachen. Der Anlaß dieser Bemerkungen war die Aussage des hochwürdigen Presidenten des "Internationalen Verbandes der Geigen-und Bogenmacher" und Mitglied des V.d.G., Hans Weisshaar, welcher, als Krösus des Altgeigenhandels, zum Punkt "Provision oder Bestechung", folgendes persönliches Axiom als erfolgreiches Geschäftsgeheimnis preis gab und zu sagen wußte:

"Wenn man im Geschäft ist Instrumente zu verkaufen, wird man es schwierig haben, ohne dem (Provisionen oder Bestechungsgelder etc. zu zahlen) erfolgreich zu sein. Der Brauch wurde eingeführt und zur Gewohnheit und ist zur Notwendigkeit des Überlebens für viele geworden".

Sollten diese Themen als Vorträge mit Diskussionen nicht Ihrem Interesse und der der Mitglieder des V.d.G. entsprechen, könnte ich noch tiefergreifende Themen zur Sprache bringen.

Zum Beispiel, die Frage der man bisher offiziell einer Antwort schuldig geblieben ist, ist diese: Warum wurden, als der "Der Spiegel" am 10. März 1986, auf Seite 230 unter dem Thema "Sakraler Ton" u.a. den Leumund Walter Hammas angriff, -- der Ehrenmitglied der "Entente" und Träger des Bundesverdienstkreuz am Bande und des Bundesverdienstkreuz 1. Klasse war -- von Seitens Hammas und des V.d.G. keine gerichtlichen Schritte unternommen, gegen solche, welche unser Ehrenmitglied als Profi der internationalen Geigen-Mafia verleumdeten? Entweder stimmte der Inhalt des Artikels (die Ehre eines ehrenlosen Ehrenmitglieds kann man nicht verleuniden und das Schweigen ist somit verständlich) oder er stimmte nicht. Auf jeden Fall besteht der Anschein, das sich niemand in seiner Ehre verletzt fühlte, oder?

Wie ich in meinem Schreiben vom 15.April 1988 noch aufführte, gibt es noch viele Themen die von praktizierenden Geigenbauern von hohem Interesse wären. Es würde mich daher sehr freuen, eine positive Nachricht auf meine obrigen Anliegen von Ihnen, lieber Herr Bünnagel, zu erhalten.

Einer interessanten Tagung in Köln entgegen sehend und mit herzlichen Grüßen auch an Sie und Ihrer lieben Familie verbleibe ich,

Fritz Reuter.

P.S. Sollten Sie es nützlich finden, dürfen Sie und der V.d.G.gerne den gesammten Inhalt dieses Briefes den Kollegen des Verbandes und der Musikinstrumentenpresse zugängig machen. Es würde vielen helfen, sich schon bei Zeiten auf die Diskussionsthemen vorzubereiten. F.R.